{"id":1577,"date":"2025-05-09T10:51:51","date_gmt":"2025-05-09T16:51:51","guid":{"rendered":"https:\/\/claudiacabrera.mx\/?p=1577"},"modified":"2025-05-09T10:51:51","modified_gmt":"2025-05-09T16:51:51","slug":"discurso-de-agradecimiento-por-la-goethe-medaille-2024-en-aleman","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/claudiacabrera.mx\/de\/discurso-de-agradecimiento-por-la-goethe-medaille-2024-en-aleman\/","title":{"rendered":"Discurso de agradecimiento por la Goethe-Medaille 2024 (en alem\u00e1n)"},"content":{"rendered":"<p>Liebe Frau Lentz, liebe Olga Grjasnowa, liebe Pia Entenmann, liebe Martina<br \/>\nBartel, lieber Willy Schumann, sehr geehrte Jurymitglieder:<br \/>\nLiebe Freunde und Freundinnen:<br \/>\nSehr geehrte Damen und Herren:<br \/>\nMeine Lebensgeschichte und meine Beziehung zu Deutschland haben mit<br \/>\neinem historischen Ereignis zu tun, das sich in einem Hotel am Rhein \u2015 in<br \/>\nBad Godesberg bei Bonn \u2015 abgespielt hat. 1942 wurden dort mein<br \/>\nmexikanischer Gro\u00dfonkel und seine Frau, eine ungarische J\u00fcdin, zusammen<br \/>\nmit mehr als 100 lateinamerikanischen Diplomaten f\u00fcr \u00fcber ein Jahr von den<br \/>\nNationalsozialisten gefangen gehalten. Unter ihnen befand sich auch Gilberto<br \/>\nBosques, der damalige mexikanische Konsul, der in Marseille so vielen<br \/>\nspanischen Republikanern und deutschen Juden und Kommunisten das Leben<br \/>\ngerettet hatte. Das nur wenige Kilometer von Weimar entfernte<br \/>\nKonzentrationslager Buchenwald erinnert uns an das Schicksal, das sie<br \/>\nerwartet h\u00e4tte.<br \/>\n\u201eTransit\u201c nannte Anna Seghers ihren Roman, in dem sie so plastisch die<br \/>\ndramatischen Umst\u00e4nde beschreibt, unter denen Bosques in Marseille vielen<br \/>\nMenschen im letzten Moment zu einer Schiffspassage nach Mexiko verhelfen<br \/>\nkonnte \u2013 ich hatte das gro\u00dfe Privileg, diesen Roman vor kurzem neu zu<br \/>\n\u00fcbersetzen, was mir auch das Schicksal meiner beiden Verwandten nochmals<br \/>\nganz anders nahegebracht hat.<br \/>\nDenn auch ihnen hat Bosques damals das Leben gerettet. 1944 gingen beide,<br \/>\nzusammen mit anderen Gefangenen aus Bad Godesberg, nach Mexiko. Mein<br \/>\nGro\u00dfonkel kehrte zur\u00fcck in sein Land, zu seiner Familie und seiner Sprache.<br \/>\nF\u00fcr meine Gro\u00dftante bedeutete die Reise dagegen das Exil in einem fremden<br \/>\nLand, wo sie niemanden kannte und dessen Sprache sie nicht verstand.<br \/>\nTrotz der schmerzlichen Erfahrung, die sie in Deutschland gemacht hatten,<br \/>\nschickten beide Jahre sp\u00e4ter ihre einzige Tochter ausgerechnet auf die<br \/>\nDeutsche Schule in Mexiko-Stadt. Zum einen, weil mein Gro\u00dfonkel, ein<br \/>\nPhilosoph, ein gro\u00dfer Verehrer der deutschen Kultur war (\u201eDie Nazis sind<br \/>\nnicht die Deutschen\u201c, pflegte er zu sagen); zum anderen, weil meine<br \/>\nGro\u00dftante dadurch die M\u00f6glichkeit hatte, an ihre europ\u00e4ischen Wurzeln<br \/>\nanzukn\u00fcpfen und wieder Deutsch zu sprechen, das sie in ihrer Kindheit in<br \/>\n\u00d6sterreich-Ungarn gelernt hatte.<br \/>\nFast 20 Jahre sp\u00e4ter folgte ich den Fu\u00dfstapfen meiner Tante: auch ich ging auf<br \/>\ndie Deutsche Schule in Mexiko. Und tats\u00e4chlich hat das mein weiteres Leben<br \/>\nentscheidend gepr\u00e4gt. Durch die deutsche Sprache und Kultur bin ich zu der<br \/>\nPerson geworden, die ich heute bin. Sie hat mir meinen Beruf geschenkt, und<br \/>\nviele liebe Menschen. Auch mein Mann, Komplize bei vielen<br \/>\n\u00dcbersetzungsprojekten, ist Deutscher. Ein Geschenk war ebenfalls die<br \/>\nkonstante Auseinandersetzung mit zwei sehr unterschiedlichen Welten. Ich<br \/>\nkonnte zu einer Br\u00fccke werden \u2015 zwischen der Welt, die meine Gro\u00dftante<br \/>\nverlassen musste, und derjenigen, in der sie nie richtig angekommen ist. Ich<br \/>\ndagegen f\u00fchle mich in beiden Welten zu Hause. Und versuche jeden Tag die<br \/>\nEntfernung zwischen Deutschland und Mexiko zu verringern und die<br \/>\n\u201eFremdheiten\u201c anzun\u00e4hern.<br \/>\nDas mache ich nicht nur indem ich B\u00fccher \u00fcbersetze, sondern auch kulturelle<br \/>\nZusammenh\u00e4nge \u00fcbersetze. \u201e\u00dcber-Setzen\u201c, das sch\u00f6ne, deutsche Wort f\u00fcr<br \/>\n\u201evon einem Ufer zum anderen gelangen\u201c: f\u00fcr mich bedeutet das seit knapp<br \/>\n30 Jahren den \u201eSprachozean\u201c zwischen Mexiko und Deutschland tagt\u00e4glich<br \/>\nmehrmals zu \u00fcberqueren, mit jedem einzelnen der vielen, vielen Worte und<br \/>\nGedanken, die ich von Deutschland nach Mexiko \u00fcbersetze.<br \/>\nDaher m\u00f6chte ich, in einer Zeit, wo die Spaltung zwischen Menschen,<br \/>\nParteien, L\u00e4ndern und Kulturen immer gr\u00f6\u00dfer und die Sprache konstant<br \/>\nentwertet und missbraucht wird, an die Wichtigkeit der Sprache als eines<br \/>\nunserer kostbarsten G\u00fcter der Vermittlung und Vers\u00f6hnung erinnern. Goethe<br \/>\nhat nicht umsonst der Sprache sein Leben verschrieben.<br \/>\nHerzlichen Dank an all die lieben Menschen, die mich heute hier begleiten.<br \/>\nAuch an die, die es nicht bis hierhin geschafft haben. Ohne euch alle h\u00e4tte ich<br \/>\nes nicht so weit gebracht.<br \/>\nIch danke dem Goethe-Institut f\u00fcr die gro\u00dfe Ehre der Goethe-Medaille.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liebe Frau Lentz, liebe Olga Grjasnowa, liebe Pia Entenmann, liebe Martina Bartel, lieber Willy Schumann, sehr geehrte Jurymitglieder: Liebe Freunde und Freundinnen: Sehr geehrte Damen und Herren: Meine Lebensgeschichte und meine Beziehung zu Deutschland haben mit einem historischen Ereignis zu tun, das sich in einem&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1568,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[39],"tags":[],"class_list":["post-1577","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-unkategorisiert"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/claudiacabrera.mx\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1577","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/claudiacabrera.mx\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/claudiacabrera.mx\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/claudiacabrera.mx\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/claudiacabrera.mx\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1577"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/claudiacabrera.mx\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1577\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1578,"href":"https:\/\/claudiacabrera.mx\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1577\/revisions\/1578"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/claudiacabrera.mx\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1568"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/claudiacabrera.mx\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1577"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/claudiacabrera.mx\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1577"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/claudiacabrera.mx\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1577"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}