Von einem Ufer ans andere – Anna Seghers in Mexiko übersetzen

In den letzten Jahren habe ich zwei der wichtigsten Bücher von Anna Seghers neu ins mexikanische Spanisch übersetzt. »Transit« ist ein Roman, den Anna Seghers in den Jahren 1941 und 1942 im Exil in Mexiko schrieb und der autobiografische Elemente enthält. Er erschien 1944 in englischer und spanischer Sprache. Die deutsche Originalfassung erschien erstmals 1947 als Fortsetzungsdruck in der Berliner Zeitung und die erste deutsche Buch ausgabe 1948 im Curt Weller Verlag Konstanz. »Das siebte Kreuz« ist ein Roman über die Flucht von sieben Häftlingen aus einem deutschen Kon zentrationslager während der Zeit des Nationalsozialismus. 1938 begann Anna Seghers die Arbeit an ihrem Roman im Exil in Paris. Bereits 1939 erschien das erste Kapitel in der Moskauer Zeitschrift Internationale Literatur. 1942 wurde der komplette Roman in den USA in englischer Sprache und im mexikanischen Exilverlag El libro libre (Das Freie Buch) in deutscher Sprache veröffentlicht. Ebenfalls 1942 wurde in den USA eine Comic-Fassung verlegt. 1944 erschien eine ungekürzte Dünndruck-Ausgabe der US- Army für die auf den europäischen Kriegsschauplatz entsandten Soldaten. Später wurde von Anna Seghers das weitere Leben einiger Romanfiguren in Erzählungen fortgeführt (»Das Ende«, »Die Saboteure«, »Vierzig Jahre der Margarete Wolf«). »Der Ausflug der toten Mädchen« ist eine um 1944 entstandene und 1946 in New York erschienene Erzählung von Anna Seghers mit autobiografischen Bezügen. Sie handelt von den Erinnerungen der im mexikanischen Exil lebenden Erzählerin »Netty« an einen Schulausflug vor dem Ersten Weltkrieg und an die Schicksale der Mädchen bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges. Dadurch entsteht ein breites Bild der Gesellschaft in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Die erste Frage, die wir uns stellen können, lautet: Warum sollten die Exilwerke Anna Seghers’ noch einmal ins Spanische übersetzt werden? Denn es gibt bereits mehrere spanische Übersetzungen: »Visado de tránsito«, übersetzt von Angela Selke und Antonio Sánchez Barbudo, Editorial Nuevo Mundo, Mexiko,1944 [historische Übersetzung, es war die erste ins Spanische. Beide Übersetzer waren auch Flüchtlinge. Wie Seghers den Nazis konnten sie der spanischen Franco-Diktatur entfliehen]; »Tránsito«, übersetzt von Carlos Fortea, RBA Libros, Barcelona, 2007; »Tránsito«, übersetzt von Carlos Fortea, Nórdica, Barcelona, 2022 (Neuauflage). »Das siebte Kreuz«, Verlag El libro libre, México, 1942; »La séptima cruz«, übersetzt von Wenceslao Roces, Editorial Nuevo Mundo, México, 1943 [historische Übersetzung, es war die erste ins Spanische, der Übersetzer war eben falls ein spanischer Flüchtling]; »La séptima cruz«, übersetzt von Birgit Heinkel, editorial Akal, Madrid, 1976; »La séptima cruz«, übersetzt von Manuel Olasagasti, Alfaguara, Madrid, 1983; »La séptima cruz«, übersetzt von Manuel Olasagasti, RBA Libros, Barcelona, 2011 (Neuauflage); »La excursión de las muchachas muertas«, übersetzt von María Alonso Gómez, Bruguera, Barcelona, 2007.

Wohlgemerkt: Sämtliche Übersetzungen wurden von spanischen ÜbersetzerInnen angefertigt. D. h., diese Werke wurden kein einziges Mal ins mexikanische Spanisch übersetzt. Und das, obwohl Anna Seghers sie entweder auf dem Weg nach Mexiko oder direkt in Mexiko geschrieben hat und sie zum Teil auch dort zum ersten Mal veröffentlicht wurden. Abgesehen davon, dass diese Werke heutzutage auch nicht mehr auf dem mexikanischen Buchmarkt erhältlich sind und so der mexikanischen Leserschaft unzugänglich, bin ich der festen Überzeugung, dass jede/r ÜbersetzerIn die Möglichkeit haben sollte, in die eigene Sprachvariante zu übersetzen. Das ist durchaus ein wichtiges Thema in Lateinamerika, wo es so viele unterschiedliche Spanischvarianten gibt. Denn die Bücher, die in anderen Sprachen geschrieben sind, gelangen durch die Übersetzung in andere nationale literarische Sprachräume, die dadurch wiederum erweitert und bereichert werden.

Heute ist es immer noch wichtig, sowohl »Transit« als auch »Das siebte Kreuz« neu zu lesen. Beide Bücher besitzen – leider! – eine brisante Aktualität. Die Lage der Flüchtlinge ist auf der ganzen Welt verheerend, auch auf dem amerikanischen Kontinent, auch in Mexiko. Und die jüngsten Entwicklungen auf politischer Ebene (Milei in Argentinien, Bukele in El Salvador, ganz zu schweigen von Deutschland und der AfD …) lassen erkennen, dass es unbedingt nötig ist, weiter gegen faschistische Tendenzen zu kämpfen.

Jetzt möchte ich mich aber nicht an der Politik abarbeiten, sondern vor allem über das Übersetzungsprojekt und den Übersetzungsprozess an sich erzählen. D. h. von meiner eigenen Art zu übersetzen, denn es gibt so viele unterschiedliche Übersetzungsansätze, wie es auch ÜbersetzerInnen gibt.

Zunächst zum Projekt: Nicht zuletzt aus familiären Gründen interessiere ich mich sehr für die 30er- und 40er-Jahre des 20. Jahrhunderts in Europa, vor allem in Deutschland. Historisch gesehen ist das eine sehr spannende Zeit, auch wenn sie als gelebte Wirklichkeit alles andere als einfach war. Mich interessiert das Dritte Reich, und vor allem die Exile, die es mit sich brachte. Und innerhalb des Exils interessiere ich mich insbesondere für die Literatur. (Das ist wohl eine professionelle Krankheit!) Konkret: für die auf Deutsch geschriebene Literatur, die in Mexiko geschrieben wurde. Es ist eine sehr spezielle Nische, der noch nicht so viel Aufmerksamkeit geschenkt wurde, zumindest nicht in Mexiko und nicht in der Literaturübersetzung. In Deutschland sind die Autoren, die im mexikanischen Exil gelebt haben, noch ziemlich bekannt: Ludwig Renn, Egon Erwin Kisch, Bodo Uhse, Gustav Regler usw. Nicht so die Autorinnen. Außer Anna Seghers, natürlich. Nicht viele haben von Alice Rühle-Gerstel oder von Lenka Reinerova gehört. Schon gar nicht von Brigitte Alexander oder Steffie Spira, zumal sie keine Schriftstellerinnen waren, sondern Theaterschauspielerinnen, die ihre Memoiren geschrieben haben. Diesen Frauen und ihren Schriften wollte ich mich widmen. Anna Seghers als Allererste, weil sie auch die Größte ist. Und weil zum Glück die Übersetzungsrechte nach Jahren gerade frei geworden waren. Da konnte ich schnell meinen Verlag La Cifra dafür begeistern und gewinnen. »Tránsito« wurde 2021 veröffentlicht, »La séptima cruz« 2023.

»La excursión de las niñas muertas« wird Ende dieses Jahres erscheinen. Und, wenn das möglich sein sollte, möchte ich gerne das Projekt ergänzen um »Der Umbruch oder Hanna und die Freiheit« von Alice Rühle-Gerstel (erst im Jahre 1984 erschien »Der Umbruch oder Hanna und die Freiheit« im Fischer Taschenbuch Verlag zum ersten Mal, obwohl dieser Roman bereits 1938 verfasst worden war. Aviva hat das Buch 2008 neu verlegt und 2022 eine Neuausgabe herausgegeben) und auch um ein paar von den wunderschönen autobiografischen Essays von Lenka Reinerova (»Der Ausflug zum Schwanensee«, Aufbau Verlag, Berlin und Weimar 1983; »Es begann in der Melantrichgasse. Erinnerungen an Weiskopf, Kisch, Uhse und die Seghers«, Aufbau Verlag, Berlin und Weimar 1985; »Das Traumcafé einer Pragerin. Erzählungen«, Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin 1996; »Zu Hause in Prag – manchmal auch anderswo. Erzählungen«, Aufbau Verlag, Berlin 2000), die ich alle sehr gerne veröffentlicht sehen würde. Plus die Memoiren »Trab der Schaukelpferde« (Aufbau Verlag, Berlin und Weimar 1984) von Steffi Spira und das Tagebuch »Kein Gedicht für Trotsky« (Neue Kritik, Frankfurt am Main 1979) von Rühle-Gerstel.

Und nun zum Übersetzungsprozess: Der erste Schritt, bevor ich mit der Übersetzung beginne: Ich lese das Buch komplett. Schon bei dieser ersten Lektüre mache ich mir Notizen, merke Wörter oder Stellen an, bei denen ich Fragen habe. Daran merke ich auch schon, was für weitere Bücher ich mir zusammensuchen muss, die sich mit dem Thema ergänzend oder vertiefend befassen. Das ist vielleicht nicht so allgemein bekannt, aber Übersetzen bedeutet auch immer: recherchieren. Ganz viel im Internet, aber auch in Büchern, Bibliotheken und Archiven. Oft ist es notwendig, Landkarten und Stadtpläne intensiv zu studieren. Dafür sind viele Stunden nötig. Das muss man auch bei der Abgabefrist mitberücksichtigen, in vielen Fällen kommt die Recherchearbeit aber leider zu kurz, weil manche Verlage es eilig haben. Und das lässt sich manchmal an der Übersetzung ablesen. Im Fall von Anna Seghers’ Büchern habe ich viel über das deutschsprachige Exil in Mexiko gelesen, darunter viele Werke von anderen Exil-AutorInnen. Und über Gilberto Bosques, den mexikanischen Konsul in Marseille, der während der Nazi-Zeit so vielen Menschen geholfen hat, aus Europa zu flüchten. Anna Seghers setzte ihm in »Transit« ein literarisches Monument. Und über das Dritte Reich, den Zweiten Weltkrieg und die Nazi-Terminologie. Und ich habe einige Filme gesehen über diese Zeit – und Ausstellungen besucht usw. Das mache ich weiterhin.

Zu Beginn eines jeden Übersetzungstages lese ich die Buchseiten durch – zwischen fünf und zehn –, die ich vorhabe zu übersetzen. Um mich erneut in den Text hineinzuversetzen, lese ich zuerst die paar letzten Seiten meiner Übersetzung, die ich am Vortag gemacht habe. Beim Übersetzen markiere ich die problematischen Stellen, für die ich nicht sofort eine Lösung finde. Ich halte mich nicht lange damit auf, weil ich sonst den Faden verliere. Wenn ich mit der Rohfassung fertig bin, mache ich eine erste Gegenlektüre anhand des Originaltextes. Ich korrigiere, ändere, ergänze viel. Einige meiner offenen Fragen kann ich in dem Moment im besten Fall lösen. Diese revidierte Rohfassung bekommt mein professioneller Lektor, Gerold Schmidt. Es passt ganz gut, dass er zufällig auch mein Mann ist. Er hilft mit den noch ungelösten Stellen, korrigiert Fehler und entdeckt manchmal Auslassungen, Stellen, die mir durch die Lappen gingen. Dank ihm sind mir schon einige Blamagen erspart geblieben. Nach seiner Durchsicht mache ich die dritte Durchsicht: Ich integriere seine Anmerkungen und Korrekturen. Und schleife noch mal an dem spanischen Text. Das ist auch eine zweite Gegenlektüre. Dann kommt die vierte Durchsicht, diesmal ohne den Vergleich mit dem deutschen Original. Ich feile weiter an meinem Text. Die fünfte Durchsicht habe ich erst neulich eingeführt, weil ich das Vorleseprogramm bei Word entdeckt habe. Ich habe den Computer meine Übersetzung laut vorlesen lassen. Währenddessen vergleiche ich meinen Text noch einmal mit dem deutschen Original – und mit den älteren Übersetzungen, die ich auf- treiben konnte. Dadurch habe ich häufig noch ein paar Ungenauigkeiten und Auslassungen aufgedeckt und korrigiert. Je nach Seitenanzahl und Schwierigkeitsgrad des Buches kann der Übersetzungsprozess zwischen sechs Monaten und einem Jahr in Anspruch nehmen.

So viel zur Übersetzungswerkstatt.

Ich werde mir jetzt erlauben, eine arbeitspolitische Anmerkung zu machen. Bis Mai dieses Jahres [2024] war ich Vorsitzende des Mexikanischen Literaturübersetzerverbandes, und so kann ich mir diesen Kommentar nicht verkneifen: Diese Arbeit, die so aufwendig und präzise sein muss, die zwar meistens wunderschön und spannend ist und bei der man immer etwas Neues lernt, ist auch harte Arbeit. Und die wird selten angemessen honoriert. Manchmal liegt es daran, dass die Verlage selber finanzielle Schwierigkeiten haben. Meistens ist das so bei den kleinen unabhängigen Verlagen. Aber oft bezahlen die großen Verlagskonzerne sogar noch schlechter. Und das hat damit zu tun, dass sie uns ÜbersetzerInnen nicht als AutorInnen betrachten, sondern als reine Dienstleister. Deswegen erscheinen unsere Namen auch nicht immer auf dem Buchcover. Und deswegen haben wir auch nicht immer das letzte Wort, wenn der Verlag unsere Texte korrigiert oder ändert. Das alles müsste in einem Übersetzungsvertrag festgehalten werden. Aber manche KollegInnen arbeiten sogar ohne Vertrag. Ich habe das große Glück, mit einem kleinen unabhängigen Verlag zu arbeiten, La Cifra, der von Genoveva Muñoz und Carlos González geleitet wird, die sich all dessen bewusst sind und konsequent handeln. Aber viele KollegInnen leiden unter den schlechten Arbeitsbedingungen.

Ganz kurz möchte ich auch die künstliche Intelligenz und Übersetzungsprogramme wie DeepL erwähnen. Manche Verlage und Unternehmen sind der Ansicht, sie könnten nun auf ÜbersetzerInnen verzichten: Die KI übersetzt, der Mensch soll nur noch nachkorrigieren. Das ist billiger. Dadurch werden die Übersetzungen aber schlechter, weniger differenziert, ohne Seele. Denn keine KI kann einen nuancierten Text herstellen, kulturelle oder soziale Kontexte erkennen. Und wenn diese Art der Arbeit bei der Übersetzung von weniger anspruchsvollen Büchern schon keine Seltenheit mehr ist, kann man sich vorstellen, wie es bei audiovisueller Übersetzung aussieht (z. B. Untertitelung). Diese Entwicklung ist schon dabei, unsere Arbeitsbedingungen noch mal zu verschlechtern. Ich könnte noch länger darüber sprechen, das würde aber den Rahmen dieses Vortrags sprengen.

Außerdem möchte ich meinen Beitrag nicht mit diesem pessimistischen Ton enden lassen. Denn solange es Autorinnen wie Anna Seghers und ihresgleichen gibt, denen keine KI auf der Welt gerecht werden kann, sind auch weiterhin Literaturübersetzer und -übersetzerinnen nötig, die ihre Kunst dafür einsetzen, diese schönen Werke in möglichst viele unterschiedliche Sprachen zu übertragen und sie möglichst vielen Menschen zugänglich zu machen: Aus Liebe zur Literatur.

Anmerkungen

  • Diesen Vortrag hielt Claudia Cabrera am August 2024 im Anna-Seghers- Museum in Berlin-Adlershof. Zu Beginn bedankte sie sich herzlich bei Stefanie Thomas, Museumskoordinatorin, und bei Dr. Zirahuén Villamar, Pressereferent der mexikanischen Botschaft. Beide haben diese Veranstaltung ermöglicht. Am August 2024, dem 275. Geburtstag Goethes, wurde sie in Weimar mit der Goethe-Medaille ausgezeichnet.
  • Der von Monika Melchert redaktionell überarbeitete Text erschien in der neuesten Ausgabe vom «Argonautenschiff», Jahrbuch der Anna-Seghers-Gesellschaft, Berlin und Mainz, e.V., 32, 2025, S. 161-166.